Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst,

was weißt du von den Schmerzen

die in mir sind und was weiß ich von deinen.


Und wenn ich mich vor dir

niederwerfen würde und weinen und erzählen,

was wüßtest du von mir mehr als von der Hölle,

wenn dir jemand erzählt,

sie ist heiß und fürchterlich.


Schon darum sollten wir Menschen

voreinander so ehrfürchtig,

so nachdenklich stehen,

wie vor dem Eingang zur Hölle.


Franz Kafka

Der Panther


Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.


Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.


Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille -

und hört im Herzen auf zu sein.


Rainer Maria Rilke

 

Sie sagten...

 

Als sie lachte sagte man ihr sie sei zu kindisch

also machte sie fortan ein ernstes Gesicht.

Das Kind in ihr blieb aber es durfte nicht lachen.

 

Als sie liebte sagte man ihr sie sei zu romantisch

also lernte sie sich realistisch zu zeigen

und verdrängte so manche Liebe.

 

Als sie reden wollte sagte man ihr darüber spreche man nicht

also lernte sie zu schweigen.

Die Fragen die in ihr brannten blieben ohne Antwort.

 

Als sie weinte sagte man ihr sie sei einfach zu weich

also lernte sie die Tränen zu unterdrücken.

Sie weinte zwar nicht mehr aber hart wurde sie nicht.

 

Als sie anfing zu trinken sagte man ihr das löse keine Probleme

sie soll eine Entziehungskur machen.

Es war ihr egal weil ihr schon soviel entzogen worden war.

 

Als sie wieder draußen war sagte man ihr

sie könne jetzt wieder von vorn anfangen

einfach ein neues Leben anfangen

aber leben konnte sie nicht mehr

sie hatte es verlernt...

 

Als sie ein Jahr später sich zu Tode gefixt hatte

sagte man nichts mehr...

 

Sie wussten, sie hatten schon zuviel gesagt

und jeder versuchte für sich ganz leise

das Unbehagen mit den Blumen ins Grab zu werfen...

 

(Verfasser unbekannt)

 

 

Die wartende Frau

 

Es waren wieder nur Regensträhnen,

die der Wind ihr entgegen warf.

Auch Weinlaub kam zum Fenster herein,

ein rotes Pferd ohne Reiter vorbei.

Es rieb seine Mähne am Vorhang,

blähte die schäumenden Nüstern.

Sie brachte ihm Zuckerstücke.

 

Der Tisch war schon lange gedeckt.

An ihrem Schweigen zerbrach ein Glas.

Sie las die Scherben nicht auf,

sie rührte den Schinken nicht an

und die Flasche nicht, die entkorkt war.

Sie stellte die Uhr zwei Stunden zurück.

Die untergehende Sonne durchschnitt

noch einmal die Wolken, den Brotlaib.

 

Das Licht lag zerstückelt in Regenlachen.

Vom Flügel des Windes gestreift

stand sie auf und hob vom Teppich

die feuchten Weinlaubblätter.

Da hielt ein Wagen, die Schritte fielen

fremd auf den Kies und verhallten

in ihrer abgekühlten Erwartung.

Sie stellte die Uhr wieder vor

und schenkte ihm reinen Wein ein.

Doch sie las die Scherben nicht auf.

 

Wolfgang Bächler

 

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten
ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten
ist die Einsamkeit zu zweit.


Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist ...
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten
ist die Einsamkeit zu zweit.

Erich Kästner 1947